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Future, present, past - Hoffer

A preoccupation with the future not only prevents us from seeing the present as it is but often prompts us to rearrange the past.

Eric Hoffer

Wollust des Todes

Natürlich gibt es die Wollust des Todes nicht. Aber ich habe zweimal von psychisch sehr kranken Patienten gehört, dass sie sich wünschten zwar weiter zu leben, jedoch in einer toten, also total passiven, entspannten, abstrakt losgelösten Form. Sie wollten nicht mehr dieser ständig sie quälenden Gedankenaktivität ausgesetzt sein, dem Drang etwas tun zu müssen, wieder denken und wieder tun oder denken zu müssen.

Tot sein, flach, in sich ruhend wie eine Maschine, aber doch lebendig, wach, bewusst. Sie wollten die völlig passive Gerade-Noch-Bewegung, den wachen Traum, das Genießen des Lebens in ihrer elementarsten noch gar nicht entwickelten Primärform, also eben doch so etwas wie die Wollust des Todes erfahren und darin bleiben.

E. Cioran, der Nihilist par excellence, drückte sich so ähnlich aus. Für ihr war der Mensch, so wie er erscheint, eine Katastrophe. Welche Form sein Leben nämlich auch immer annimmt, es hindert ihn zu diesem wahren Genuss zu kommen, nach dem er im Grunde genommen unaufhörlich strebt: die Wonnen des Anorganischen, die Lust des Nichts, das Genießen des Todes. All das erinnert freilich ganz stark an Freuds Todestrieb, der für die Psychoanalytiker bis heute dennoch ein Rätsel geblieben ist. Dass das Leben, das allgemeine Vitale, letztendlich zum Tode hin tendiert, muss ja kein Trieb sein, der aktiv und lustbestimmt ist. Es kann sich ja einfach nur um ein Geschehen des Zerfalls, der Überalterung, der Entropie handeln. Warum soll es da eine Wollust geben? Und doch: irgendetwas ist dran an der Vorstellung, dass der Tod nicht einfach nur nichts ist, blanke Null, Vakuum, fertig. Eine Nuance von schwebenden, tänzelnden Blätterlispeln, von aufsteigenden Nebelschwaden eines Geistgenusses, von perlendem Nirwanaprinzip, könnte es geben.

Ich muss zu solch eigenartigen Poetismen greifen. Der Yogi, der meditierende Mystiker, der sich in die Leere zurückzog, muss ja auch nach diesem wachen Lustdelir gesucht haben. Aber hat er es auch gefunden? Sind die irdischen Genüsse, einer nach dem anderen klar aufgereiht, vernünftig zubereitet und genossen, nicht ein besserer und sicherer Weg? Hat nicht selbst Buddha vom „mittlerem Weg“ gesprochen als dem planvollen Ein-bisschen-von-dem und Ein-wenig-von-diesem, immer gerade gut genug und dafür lebenslang? Natürlich war es so, und das ist auch die Lösung. Warum sollte man Trieb- und Begehrenstheorien und Lust- und Vorstellungskonzepte brauchen? Wir sind wir und wir machen es uns eben mit allem etwas gütlich und gemütlich.

Sicherlich nicht so einfach, das Ganze. Vielleicht nicht Wollust des Todes, vielleicht nur ein „Sterbenlieben“, ein wenig jeden Tag eine Prise der Langweile als gar nicht so ungut anerkennen, einen kleinen Schmerz als gar nicht so unangenehm in sich selbst welken lassen, eine Depression als dummen Gedanken bezeichnen und dann nochmals und nochmals so bezeichnen. Unsinn, alles barer Unsinn. Warum soll ich davon schreiben? Weil schreiben erleichtert? Warum nicht malen? Oder doch wenigstens schreibmalen, Buchstaben zu Formen zusammensetzen, die gefällig sind : morsa morsa, Bissen Bissen, mors amor sa, Tod Liebe sei, samorsa . . . . S´wär das Beste, man könnte so weitermachen. Eben weil es wie ein horizontales Fallen ist. Man fällt, einfach Buchstabe für Buchstabe, aber man fällt nicht grenzenlos tief, sondern wie wenn es horizontal ginge.

Also doch Wollust des Todes, denn sich fallen lassen, aber nicht in grauenhafte Tiefe, sondern in der Horizontalen des Lebens verbleibend, das wär es doch. Oder so ausgedrückt, wie es E. Szittya vom Monte Verita in Ascona aus der Zeit vor einhundert Jahren über einen Anachoreten schrieb: Askese üben, Rohkost und daran arbeiten „bei lebendigem Leibe zu verrotten“. Den Genuss der Verwesung vorverlegen. Sicher ist hier etwas Widersprüchliches enthalten, aber es geht eben wieder um das, was die psychisch Kranken sagten: tot lebendig sein. Total gesund dahinsiechen. Auch wenn es widersprüchlich ist und nicht wirklich existiert, so kann man sich es eben doch so denken: dass die Wollust des Todes die eine Seite des Ganzen ist, dessen andere dann die Plackereien, Krankheiten, Schrecken, Verfolgungen, Kriege, Verzweiflungen und Mühen des Lebens sind. Und dazwischen steht man selbst, als Ich oder sonst was, das ist dann egal.

Doch wie macht man das dann? Meditieren? Eine Kunst ausüben? Körperbezogen philosophieren? Ich plädiere für eine Psychoanalyse „anders herum“, für eine paradoxe Linguistik. In dieser wird nicht frei assoziiert und dann psychologisch gedeutet, es wird nicht die Sprache wissenschaftlich zerlegt. Ich plädiere für ein minimalistisches Üben (nur eine kleine Plackerei), um dafür ein bisschen Todeswollust zu genießen, d. h. einfach des Genießen des Körpers als solchen zu haben. Denn der Körper als solcher, als biologisches Gerüst, als Biomechanik ist zwar nicht tot, aber doch sehr reduziert auf seine basalen Funktionen und Organe. Und von diesen behauptete schon Freud, dass hier eine basale Lust bestünde, eine „Organlust“. Im alltäglichen Leben bemerken wir diese Lust nicht, zumindest nicht sonderlich oder evtl. nur in glücklichen Momenten einer totalen Entspannung, beim Hören einer Musik z. B. Es „rieselt“ einem dann so den Rücken herunter oder ähnlich. Um das aber zu systematisieren, muss man wenigstens minimalistisch etwas Üben.

In seinem neuesten Buch schreibt der Philosoph P. Sloterdijk, dass der Mensch ein übendes Wesen ist, er kann gar nicht anders. Meistens versteigt es sich zu ungeheuerlichen und strapaziösen Übungen wie denen der Religionen, des Sports, politischer oder kultureller Systeme, aber auch der Philosophien, Schulen, Künste. Der Mensch kann nicht anders als üben du so wäre es das Beste, er könnte alles in eine möglichst minimale, kompakte Übung stecken. Keine Plackereien, keine großen Höhen erklimmen.

 

Gerd Riederer ist Psychoanalytiker in München. Der Name, Gerd Riederer, ist ein Pseudonym. Ich musste nicht nur meinen Namen, sondern auch Namen, Orte, Zeiten und einzelne Gegebenheiten meiner Bücher anonymisieren, weil es darin um authentische, persönliche psychotherapeutische Fallgeschichten geht, die nicht allgemein veröffentlicht werden können und sollen. Ich habe zwei Bücher geschrieben und auf meiner Website (erotologie.de) geht es hauptsächlich um das zweite dieser Bücher, dessen Inhalt und Probeseiten in der Rubrik Literatur zu finden sind.