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Ausrichtung II - Osler

Schliesst sich eine Tür, öffnet sich die nächste. Nur starren wir manchmal so voller Bedauern auf die geschlossene, dass wir die sich öffnende übersehen.
Rudolf J. Osler

Evolution und Involution

evolutionEvolution und Analytische Psychokatharsis

„Am Anfang war der Wasserstoff" hieß der Bestseller Hoimar von Dithfurts in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Natürlich wissen wir heute in den Zei­ten der überdimensionalen Teilchenbeschleuniger, dass der Wasserstoff noch lang nicht der Anfang allen Geschehens war. Auch die subatomaren Strukturen, ja nicht ein mal die pure Energie als solche können Anspruch auf den ureigent­lichsten Anfang haben. Dies liegt vor allem daran, dass dem Anfang auch sein Ende schon immanent innewohnt. Am deutlichsten und vielleicht für uns als menschliche Wesen am wichtigsten ist dieses Problem am Vorgehen der Evolution des Lebens zu sehen. Auch der Evolution wohnt nämlich so ein gegenläufiger Faktor inne, den man am besten als Involution bezeichnen kann. Diese Involution ist in der allgemeinen und beginnend mit Darwin formulierten Evolutionstheorie nicht so deutlich zu sehen. Um so deutlicher kann hier jedoch die Psychoanalyse weiterhelfen.

 

Dass die Evolution als eine Lehre vom „Survival of the Fittest" gilt ist bekanntermaßen eine zu simple Vorstellung. Insbesondere der vielleicht sogar nach Darwin bedeutendste Biologe Ernst Mayr hatte herausgefunden, dass es oft „geographische Separationen" sind, die einer Spezies, die sonst überhaupt nicht fit ist, zum Überleben helfen kann. Wenn z. B. ein sich neu bildender Fluss ein geographisches Areal, das kaum besiedelt und daher frei von Feinden ist, von andern Arealen abgetrennt, hat kann sich dort eine Spezies entwickeln, die sonst keine Chance hätte, weiter zu kommen. Es ist die in vielfältiger Weise sich auftuende „Nischenbildung", die rein aus Zufall entstanden ist oder auch durch Schlauheit gefunden wurde, die den schwachen und gar nicht im Sinne physischer Stärke fitten Lebewesen einen evolutorischen Vorteil verschaffen kann. Eine so sich vergrößernde oder auch durch neue luxurierende Merkmale entstehende Population kann dann sogar nach langem Schutz in der „Nische" wieder mit der physischen Fittness der anderen konkurieren und gewinnen.

Man könnte diese Nischennutzung scheinbar schwacher oder sich in luxurierenden Entwicklungen erst einmal ganz unfit zeigenden Lebewesen als etwas Involutorisches bezeichnen. Diese biolog-geographische Involution ist für das Leben genau so wichtig wie die Darwinsche Evolution.[1] Ein ideales Beispiel dafür ist die „Kambrische Explosion". Im Kambrium, also vor 542 Millionen Jahren entstanden eine extrem hohe Zahl neuer Lebensformen, was ganz im Gegensatz zur kontinuierlich verlaufenden Evolution Darwins steht. Offensichtlich bestand damals in der Welt eine große räumlich-zeitliche Nische, die den vielen neuen Lebensformen erst einmal Leben ermöglichte. Viele dieser Formen gingen natürlich im weiteren Evolutionsvorgang wieder zugrunde. Dennoch gibt es immer wieder derartige (vom evolutionsbiologischen Standpunkt aus betrachtet!) Seiten- oder Rückentwicklungen. Auch der Mensch ist so gesehen nicht nur ein Produkt der Evolution, sondern auch dieser Involution.

Ja, der Vorgang der Involution wird erst beim Menschen wirklich deutlich sichtbar. Dabei ist es nicht sein vergrößertes Gehirn und seine Fähigkeit zur Gruppenbildung und Ähnliches mehr, das ihm den involutorisch/evolutorischen Gewinn brachte. Es ist vielmehr die Tatsache, dass er sich der in der Welt bisher sehr versteckten symbolischen Ordnung (manche sagen auch mathematische oder semantische Ordnung) unterstellt erfahren musste. Der Mensch ist ein „sprechendes Sein", ein speziell dem symbolisch, semantisch geformten Unbewussten unterstelltes Wesen. Dies kommt wie ich schon andeutete am besten durch die psychoanalytische Wissenschaft zutage. Dort ist nämlich die Involution ein wesentlicher Bestandteil des Verfahrens. Man nennt die Involution dort „Regression", also etwas Zurück- und  Gegenläufiges zu der sonst als normal angesehenen nach vorne gehenden Entwicklung. Wenn z. B.  jemand plötzlich ohne sichtbaren Grund wild um sich schlägt oder halluziniert, „regrediert" - so sagt man -  er auf eine frühere Entwicklungsstufe seines Wesens. Das Regredieren ist aber für die psychoanalytische Therapie notwendig, weil erst darin Kräfte und Konflikte greifbar werden, die nunmehr mit Hilfe des Therapeuten so gedeutet und bearbeitet werden können, dass etwas Progressives (wie bei der Evolution also etwas nach vorne Weitergehendes) herauskommt.

In der klassischen Psychoanalyse ist dieser regressiv/progressive Vorgang allerdings nicht umfassend ausgeprägt. Zu weitgehende Regressionen könnten zu krankhaften Vorgängen führen oder vor allem der Deutungskunst des Therapeuten zu weit entlegen sein. Dies ist bei der Analytischen Psychokatharsis anders. Sie arbeitet mit einem Instrument, das eine zu starke Regression oder Involution nicht fürchten muss. Ja, hier kann die Regression sogar bis in die Bereiche hineingehen, die man eher tatsächlich als Involution bezeichnen muss. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass man - so wenig wie man in der Regression wieder zum wirklichen Säugling wird - in der Involution wieder unter die Dinosaurier gerät. Aber in die „Natur pur" kann man mit Hilfe der Analytischen Psychokatharsis schon eintauchen. Denn wenn wir heute in die Regenwälder Costa Ricas oder Afrikas fahren, dann deswegen, weil man uns dort „Natur pur" verspricht. Doch ist einem die „Natur pur", wenn sie auch gleichzeitig nur real ist, mit den Risiken und Nachteilen von Mückenstichen und Parasiten, Skorpion und Schlangenbissen und anderen mehr etwas verleidet.

Diese „Natur pur" ist bei der Analytischen Psychokatharsis vorteilhafter. Ihre „Natur pur" ist eben die einer involutorischen Selbsterfahrung, von psycho-physischen Zuständen, von „körperbezogenen Philosophieren" wie es E. Gendlin, der Begründer des „Focusing", dem die Analytische Psychokatharsis etwas ähnelt, nannte. Der in diesem meinem Verfahren als Psychokatharsis bezeichnete Anteil führt vielleicht noch hinter den Wasserstoff zurück, zumindest zu Erfahrungen, die wie mit Hilfe der Regression in der herkömmlichen Psychoanalyse erzielten Progressionen Schritt halten können ohne dass man deswegen Hunderte von Stunden zum Therapeuten gehen muss. Die Psychokatharsis ist eine Erfahrung von (wörtlich) Reinigung, Erneuerung des „Körperbildes" oder wie ich es manchmal nenne psycho-physischer „Durchrieselung".[2] „Natur pur".

Was das „Körperbild" angeht so war hier sicher die französische Psychoana-lytikerin  F. Dolto führend. Sie unterschied das „basale", „dynamische" und „erotische" Körperbild. Mit der Bezeichnung „Durchrieselung" erfasse ich alle drei, wenn es auch mehr poetisch und nicht ganz wissenschaftlich exakt ist. Aber hier kann jeder selber eine Bezeichnung für sich finden, handelt es sich bei der Analytischen Psychokatharsis doch um ein Verfahren, das - wenn auch nicht subjektiv- so doch wie die Psychoanalyse eben subjektbezogen ist. In der Durchrieselungserfahrung des Körperbildes ergeben sich jedoch für den Analytischen Teil des Verfahrens wichtige Momente. Denn es soll dabei natürlich nicht vorwiegend den „Natur-pur" - Erfahrungen nachgespürt werden, sondern auch den Analytischen. Und d. h. denen, die den letztlichen Effekt des Progressiven herstellen.

Nochmals kurz zusammengefasst: in der Evolution ist ein Rückkehrelement enthalten, das scheinbar gegenläufig ist, weil es durch „Nischenbildung" zu luxurierenden also ausufernden Lebensformen führt, die im „Survival of the Fittest" eigentliche keine Chance haben. Dieses Rückkehrelement könnte man als Involution bezeichnen. Beim Menschen kann man dies besonders gut an dem  in der Psychoanalyse verwendeten Begriff der „Regression" sehen. In der Analytischen Psychokatharsis kann man dieses Element sogar direkt erfahren und für ein Weiterkommen nutzen. Man erfährt hier nämlich direkt das eigene „Körperbild", also das, was man von sich als Bild spüren, so als sein man wieder „Natur pur". Es geht dabei um einen psycho-physischen Zustand der durch ein Instrument in der Analytischen Psychokatharsis aufgefunden und gehalten werden kann. Das Auffinden besorgt die Psychokatharsis, eine tiefe, einen wie „durchrieselnde" Erfahrung. In den Momenten der Psychokatharsis gibt es jedoch auch solche, die mehr dem Analytischen Teil gerecht werden, der den letztlichen Effekt des Progressiven herstellt. Diesen Teil nenne ich auch den der Erfahrung von sogenannten Kenn- oder Passworten.

Um im Zustand der Psychokatharsis ein Kenn - oder Passwort aus dem eigenen Unbewussten zu erhalten, muss man die Übungen der Analytischen Psychokatharsis durchführen. Sie besteht im Wesentlichen aus der Anwendung und Meditation von FORMEL-WORTEN, Formulierungen, die am Rande der Sprachlichkeit stehen, obwohl sie doch Sprache sind. Diesen Teil des Verfahren hier weiter zu erklären wäre jetzt zu ausufernd. Ich empfehle daher dazu die anderen Artikel, insbesondere die Downloadbroschüre Analytische Psychokatharsis zu lesen. Den Bezug zur „Natur pur" kann man auch über das, was ich in oekopsychoanalyse.de beschrieben habe, intensivieren.

 


[1]Ein Zwischenfeld stellt die Epigenetik dar, wo Merkmale nicht über die normalen Gene, sondern in geringem Maße über Seitenwege vererbt werden können.

[2]Zu diesem Ausdruck passt das Märchen „von dem, der auszog das Gruseln zu lernen". Be­kanntlich „gruselte" es den Protagonisten dieses Märchens vor nichts, erst als ihm zum Schluss das Fischermädchen einen Eimer Grünlinge über den Bauch schüttete, rief er aus: „Jetzt weiß ich, was gruseln ist"! Nämlich ein Durchrieseln, hier sicher mit erotischem Bezug.

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