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Luis Pasteur

Meditation und Gehirn

Meditation und Gehirn

In seinem Buch mit dem obigen Titel hat H. Hilbrecht versucht, Meditation möglichst wissenschaftsnah zu beschreiben. Seine eigene Erfahrung ist zwar ganz stark von buddhistischer Meditationstechnik her bestimmt und getragen, dennoch bemüht er sich auch um eine Abstützung an neuesten Forschungen der Neurowissenschaftler. Er beschreibt wie durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt ist, welche und wie verschiedene Gehirnareale durch Meditation beeinflusst werden.

So stellt er beispielsweise den präfrontalen Cortex (Stirnhirnbereich) und hier insbesondere den orbitofrontalen Bereich (nahe der Augennervkreuzung im Gehirn) als wesentlich zentral für die Konzentration in der Meditation heraus. Es ist auch beruhigend zu lesen, wenn er schreibt, dass belastende Erfahrungen in der Meditation wie Halluzinationen und Verwirrungen eben nur Folge vorübergehender und einseitiger Gehirnerregungen sind, die schon bald durch reifere Meditationserfolge beseitigt werden können.

Im Gesamt seiner Darstellungen erklärt er zwei Phänomene als wesentlich, wie sie auch im Zentrum meines Verfahrens der Analytischen Psychokatharsis stehen: einerseits eine kathartische Erfahrung, die mit einem Durchströmen des Körpers und visuellen Mustern einhergehen, andererseits eine tiefe innere Stimme, die kurz gefasst und wie aus der Ferne des eigenen Inneren herkommt. Ich habe in der Analytischen Psychokatharsis diese beiden Phänomene als ein („Es) Strahlt" und ein („Es) Spricht" bezeichnet. Was das erstere angeht spricht er von einen unglaublichen Klarheit und „Leere" des Bewusstseins, zu der er Buddhas Ausspruch „Leere ist Form und Form ist Leere" zitiert. Das heißt, das „Strahlt" ist zwar ein „ultrasubjektives Ausstrahlen" (ein Begriff J. Lacans für dieses Phänomen), Ausdehnen, das aber keine feste Form annimmt und so sich in sich selbst formt.

heydeck090001Was das zweite angeht, das „Spricht", so unterscheidet Hilbrecht erst einmal zwei verschiedene Formen des Denkens: das sprachliche Denken, über das wir meistens verfügen, weil wir alles was wir denken und planen selbst uns selbst gegenüber in eine verbale Form fassen. Und sodann das intuitive, unbewusste Denken. Schon S. Freud hatte davon gesprochen, dass es im Unbewussten ein eben unbewusstes Denken geben müsse. Dies war nicht als ein rein bildliches Denken zu verstehen gewesen. Es ging bei Freud eher um ein verborgenes, entstelltes, dem Bewusstsein nicht so einfach direkt zugängliches „Denken", das eigentlich nur einen ganz knappen Gedanken enthielt. Es ging also mehr um ein verborgenes Motiv, um ein Symbol oder zumindest ein symbolisch und das heißt ja wieder sprachartig verfasstes Zeichen (Lacan spricht hier dann von Signifikanten). Ich habe in meinen Veröffentlichungen etliche Beispiele für das Auftauchen solcher knapper „innerer Sätze (auch ein Begriff Lacans) in der Analytischen Psychokatharsis gebracht.

Hilbrechts Buch hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile der wissenschaftlichen Abstützung und der einfachen Erklärungen habe ich also erwähnt. Nachteilig ist, dass er zur Erklärung der Praxis wissenschaftlich nicht belegte buddhistische Techniken anführt und auch in seiner gesamten Konzeption sehr stark dem asiatisch gefärbten Hintergrund und allgemein mehr mythischen Einteilungen (etwa der Meditationsstadien) verbunden bleibt. Er hat sozusagen auf der einen Seite den festen Boden der Gehirnwissenschaft, benutzt aber auf der anderen rein mythisch-buddhistische Vorstellungen. Was ihm fehlt ist ganz einfach  ein Stück Psychoanalyse. Die auf einer Psychosemiotik oder Konjekturalwissenschaft aufbauende Psychoanalyse stützt sich weder auf die Naturwissenschaft, noch auf die Geisteswissenschaften oder die ja als mythisch oder magisch zu bezeichnende antike Wissenschaft (etwa die der alten Griechen), die nichts mit modernen Wissenschaft zu tun hat.

Die Psychoanalyse beruht auf einem intersubjektiven Verfahren. Sie geht davon aus, dass es Kräfte, Triebe gibt, die zwischen den Subjekten wirken und durch eine offene, bis ins Irrationale hineingehende Kommunikation enthüllbar und ausdrückbar sind. Ganz wichtig waren hierbei Erkenntnisse der Linguistik (Semiotik, Semantik), wie sie z. B. von J. Lacan ausgearbeitet wurden. Ein derartiges und aus der herkömmlichen Psychoanalyse weiter entwickeltes Konzeptliegt der Analytischen Psychokatharsis zugrunde. Denn natürlich kann man aus der klassischen, herkömmlichen Psychoanalyse keine Meditationsverfahren entwickeln. Wohl aber aus einer von ihr abgewandelten und in gewisser Weise sogar „anders herum" gestalteten Form.Denn derartige Formulierungen wie die des „Strahlt" und des „Spricht" eignen sich viel besser als Grundlage, als grundlegende Namen, Signifikanten für den Meditationsvorgang als etwa Begriffe aus der Naturwissenschaft oder gar aus spirituell-spiritistischen Verfahren.

Gerade weil das paar „Strahlt" / „Spricht" Bezeichnungen in der 3. Person Singular sind ohne dass ein dazugehöriges Subjekt feststeht, sind es eigene, in sich selbst gefasste Wesenheiten, die wie gesagt dem Triebbegriff der Psychoanalyse entsprechen. Letztlich könnte man zum „Strahlt" auch Schau-, Wahrnehmungs- oder Erscheinungstrieb sagen  und zum „Spricht" Sprech- oder Entäußerungstrieb. Doch das Wort Trieb ist leicht missverständlich. Freud selbst schwankte damit zwischen biologischen und literarischen Wesenheiten hin und her. Triebe waren für ihn konstante biologische Kräfte, dann aber auch wieder „mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit". Lacan stellte sie den Signifikanten nahe, sozusagen Ausdrucks- oder Bestimmungskräften, oder einfach direkt „Bedeutern", „Bestimmern". Auch der ausschließlich linguistische Bezug ist von der Sprachwissenschaft her nicht zu bekommen und auch Semiotik und Semantik können nur weitere Annäherungen liefern. Dennoch sind die Triebe in der Psychoanalyse Prinzipien primärster Natur. Allerdings gibt es ein kleines Problem mit den Bezeichnungen Eros-Lebens-Trieb und Todestrieb als den zwei Grundkräften, -trieben, -prinzipien.

Besser ist es eben vom Erscheinen, Wahrnehmen, „Strahlen" als solchem auszugehen und diesen das Sich-Entäußern, Verlauten, „Sprechen" gegenüber zu stellen. Der Todestrieb ist ein gewisser Widerspruch in sich selbst. Dennoch muss man ihn nicht gänzlich verleugnen. Im „Spricht" steckt ein bisschen von ihm, denn schon Hegel sagte, dass das „Wort der Mord der Sache" wäre. Im Sprechen „entdinglichen wir uns, wir bleiben dem sprachlichen Denken nahe und nicht dem von Hilbrecht erwähnten „intuitiven Denken". Nun ist das intuitive Denken an sich kein Garant für die Wahrheit oder gar für die Wissenschaftlichkeit. Dazu braucht es dann eine wissenschaftlich begründete Meditation d. d. sie muss selber auf der Wahrheit als Ursache gründen. Dann spielt das Gehirn nur eine Nebenrolle.

Es ist gut zu wissen, dass sich bei der Meditation die orbitofrontale Region besonders anstrengen muss, aber dass man durch Halluzinationen und andere belastende Erfahrungen hindurch muss, ist nicht notwendig. Man muss auch nicht erst sechs oder sieben Stufen oder Phasen durchlaufen. Man kann sofort mit der einen entscheidenden Stufe oder Phase beginnen, nämlich der Konzentration auf das „Strahlt / Spricht" mit Hilfe von Formulierungen, die dem Unbewussten selbst entnommen sind (diese sogenannten Formel-Worte habe ich an vielen Stellen erklärt). Freilich muss man das Vorgehen bei der Analytischen Psychokatharsis erst intellektuell verstanden haben. Doch dadurch hat man auch den Vorteil im intellektuellen Zusammenhang zu allen Wissenschaften verbleiben zu können. Man muss sich nicht buddhistischen Orientierungspunkten an Händen und Füßen, wie sie Hilbrecht beispielsweise empfiehlt, emporarbeiten. Man bleibt immer im gleichen Vorgehen, das den Verstand und auch das sprachliche Denken nie völlig ausschaltet, auch wenn es zeitweise sehr stark reduziert wird.

 

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Bezugsquelle:

Meditation und Gehirn: Alte Weisheit und moderne Wissenschaft

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